Dienstag, 1. Mai 2007

Journalismus und Wahrheit

Nachdem es schon lange guter Brauch unter Angehörigen von Kindergärten und Altersheimen ist, sich über nicht lösbare Grundsatzfragen ad Infinitum zu streiten, scheint dieser Usus nun auch Eingang in die deutsche Presselandschaft zu finden.

Da streiten sich nun FAZ und SZ darum, ob sich die Standford University tatsächlich finanziell am Suhrkamp-Verlag beteiligen will, dessen Schicksal ja schon seit Jahren im Ungewissen ist. Zuerst kolportierte die Faz die Nachricht, anschließend antwortete die SZ mit einem Dementi durch Hans Ulrich Gumbrecht -auf den sich die FAZ bei ihrer ersten Meldung berufen hatte- nun pariert die FAZ mit weiteren Zitaten von Gumbrecht:

http://www.faz.net/s/RubF7538E273FAA4006925CC36BB8AFE338/Doc~E2E4BD608F9CC4D90B585FE24B0A5079A~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.sueddeutsche.de/,tt2m2/kultur/artikel/1/111889/

So weit, so gut. Doch warum werden die Leser eigentlich überhaupt mit solchen Meldungen behelligt? Natürlich, die Zeitungen haben ein Informationsinteresse und solche pikanten Meldungen könnten auch sensationsgierigen Boulevard-Intellektuellen und Verschwörungstheorie-Anhängern viel Freude bereiten. Aber haben wir es hier eigentlich noch mit Wahrheit zu tun - die man durch Fakten beweisen könnte- oder gilt der Grundsatz, dass man zuerst schreiben und erst nach Widerworten nach Fakten für seine Aussagen suchen muss. Oder soll das eine neue Art von postmodernem Journalismus sein, in dem die Wahrheit als Meistererzählung nun völlig aufgegeben wirdf?

Wenn also schon nicht die Wahrheit diese Meldung motiviert hat, wozu wird dann überhaupt noch so ein Artikel publiziert? Wahrscheinlich soll es darum gehen, den amerikanischen Kulturimperialismus nun auch im deutschen Wissenschafts- und Verlagsbetrieb offenzulegen.
Das Einzige was man damit aber wirklich offengelegt hat, ist das eigene gespaltene Verhältnis zum Signifkaten, eine Ente, die Wasser auf den Mühlen des Konkurrenten ist. Und dass der wohl auch nicht nur aus Liebe zum Wahren mit einem journalistischen Fehdehandschuh antwortet, dürfte klar sein.

Da muss man sich nur fragen, ob es wirklich nötig ist, die gebotene Seriösität über Bord zu werfen und sich eine feuilletonistische Schlammschlacht zu liefern. Das Niveau solcher Diskussionen ist mal wieder eine anschauliche Lektion über das Verhältnis von Journalismus zur Wahrheit: im Zweifelsfall gilt, dass das Wahrheit ist, worüber man schreiben kann.

Montag, 30. April 2007

Arthur Rimbaud: Faunskopf


Der Einbruch des Wahnsinns in die Realität: Leider dank Klingeltöne, Happy Slapping, 9live und Casting-Shows schon lange Alltag. Das alles wäre nicht so schlimm, wenn diese Art von Wahnsinn nicht von dermaßen schlechter Qualität wäre, dass allenfalls eine satirische Auseinandersetzung übrig bleibt. Rimbaud, der Glückliche, konnte noch satyrisch und zugleich tiefernst mit dem Thema umgehen, er durfte aber auch noch eine andere Qualität von Wahnsinn genießen als unsereiner:

Im Laub, dem grünen Schrein, den Gold umsäumt,
Im Laub, dem ungewissen, prächtig drängend
Mit vollen Blüten, drin der Kuss hinträumt,
Zeigt plötzlich, das erlesne Muster sprengend,

Die beiden Augen ein verirrter Faun
Und packt den roten Blust mit weißen Bissen:
Grad wie ein alter Wein blutvoll und braun
Lacht durchs Gezweig die Lippe hingerissen.

Und ist er- wie ein Eichhorn flink- entflohn,
Perlt noch von jedem Blatt sein Lachen nieder,
Und man sieht, aufgeschreckt vom Gimpelton,
Den goldnen Kuß des Walds,- dann träumt er wieder

Donnerstag, 26. April 2007

www.gesellschaftskritik24.de


„Der Mensch ohne Vorurtheil“ ist jetzt auch unter www.gesellschaftskritik24.de zu erreichen. Der Grund hierfür: einfacher zu merken, und den gesellschaftlichen Verhältnissen angepasst. Die Internetisierung der Lebenswelt fordert es!

In einem Land, in dem fast jeder weiß, dass die 24 am Ende eines Wortes die digitalisierte Form eines Gegenstandes –sei er gedachter oder dinglicher, oft kommerzieller Natur- darstellt, ist Gesellschaftskritik24 das passende Symbol für digitalisierte Gesellschaftskritik.

Aber: mit Unternehmen, die gerne mal eine 24 an ihren Namen hängen, hat das nicht direkt etwas zu tun. Sie stellt vielmehr eine Konzession an diejenigen Kritiker dar, die da sagen, man könne Gesellschaft nicht wirklich kritisieren, da man ja selbst aus eben dieser gesellschaftlichen Lebenspraxis heraus argumentiert. Die 24 will also sagen: Der Autor dieser Seiten ist sich dieses Problems bewusst, darum ist er auch bereit seine eigene digitale Verdinglichung durch einen passenden Domain-Namen anzudeuten.

Davon abgesehen hat jemand gesellschaftskritik ohne die 24 bereits registriert…

Montag, 23. April 2007

Der Amoklauf, das unbeachtete Phänomen


Dass in den letzten Tagen in den Medien wieder verstärkt über einen Amoklauf berichtet und nachgedacht wird, sollte nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass bei all dieser Diskussion der Amoklauf selbst kaum zur Debatte steht. Wovon die Rede ist, ist die Geschichte eines bestimmten (Massen)mords. In die Waagschale werden wieder diverse Kritiken am amerikanischen Gesellschaftsmodell und verschiedene psychologische Begründungen geworfen.

Für gewöhnlich sagt man nach so einer Tat: die Waffenlobby, überhaupt, der „American Way of life“ sei daran Schuld. Leicht erhält man in den USA Zugang zu Waffen und Munition, darum sei der Amoklauf ein typisches Merkmal amerikanischer Lebensweise.

Auch der aktuelle Amokläufer hatte etwa die Hälfte seines Lebens in den USA verbracht. Aber –soviel weiß man zum jetzigen Zeitpunkt- vom Lebensstil der US-Amerikaner war er gar nicht begeistert. So erklärte er er in seiner Videobotschaft: „All eure Ausschweifungen waren nicht genug. Sie reichten nicht, eure hedonistischen Bedürfnisse zu befriedigen. Ihr hattet alles.“ Die Gesellschaft habe ihm „nur eine Option gelassen“, er wurde zu der Tat gezwungen, „in die Ecke getrieben“. Kurz: er hatte die Schnauze voll von der US-amerikanischen Gesellschaft, daher wollte er sich rächen.

Auf den ersten Blick betrachtet, hat man sowohl das Motiv der Tat als auch den Täter. Die Diskussion um Waffen in den USA, die „National Riffle Association“, die Schere zwischen Arm und Reich kann wieder von vorne beginnen. Schon jetzt ist abzusehen, dass Michael Moore sich wieder zu Wort melden und als selbsternannte Öffentliche Meinung die Diskussion dominieren dürfte.

Dass diesmal der Täter keiner war, der sein ganzes Leben in den USA verbracht hat, lässt aber auch die Hoffnung aufkeimen, dass die Diskussion diesmal anders verlaufen könnte, dass die Ursachen von Amok nicht einmal mehr auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA reduziert werden, sondern versucht wird, den Amoklauf in seiner phänomenalen Vollständigkeit zu begreifen, nämlich als ein unverständlicher Ausbruch von Gewalt. Jene unverständliche Gewalt ist es, die das Phänomen Amoklauf überhaupt ausmacht, wie auch aus der Definition der WHO hervorgeht:

„Eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens.“

Willkürlichkeit und mangelnde Provokation zur Tat bedeuten implizieren genau diese Faktoren: Unverständlichkeit, sinnlose, rational nicht nachvollziehbare Ausübung von Gewalt in enormen Ausmaßen. Betrachtet man aber die öffentlichen Auseinandersetzungen mit Amokläufen der Vergangenheit, so muss man feststellen, dass diese im Kern von Fragen nach den individuellen Lebensumständen der Täter, ihrer pathogenen Psychen und schließlich gesellschaftlichen Positionen geleitet ist. Gesucht werden in der Regel intersubjektiv nachvollziehbare Gründe für ihr Handeln, also eine Antwort auf die simple Frage: warum?

Doch eben das Aufsuchen irgendwelcher rational nachvollziehbaren Gründe verfehlt den Kern des Phänomens. Fragt man nach einer Begründung der Tat, spricht man schon a priori nicht mehr von einem Amoklauf, sondern von einem Rachemord, einer Verzweiflungstat, oder was auch immer- nicht aber vom Todeslauf, zu dessen Charakter es gehört, nicht rational nachvollziehbar zu sein.

Gewiss, der Täter selbst hat seine Tat als Rache an der Gesellschaft begründen können. Doch ist leicht einzusehen, dass seine Begründungen mit den Mitteln der Vernunft nur schwer einzusehen sind.

Wenn es wirklich eine Rache war, warum hat der Täter dann wahllos Menschen ermordet, die mit seiner persönlichen Biographie keine Berührungspunkte hatten? Warum hat er nicht gezielt diejenigen gemordet, die ihm konkret etwas angetan haben? Wenn es ihm um die Gesamtgesellschaft ging, warum hat er dann Menschen aus seinem eigenen Lebensumfeld ermordet und nicht Attentate auf Politiker begangen, die als Ziel für seine Vorwürfe ein weit besseres Ziel abgegeben hätten? Warum hat er überhaupt nicht ein weit größeres Attentat verübt, beispielsweise mittels Bomben? Wofür hatte er sich an der Gesellschaft zu rächen, was hat ihm „die Gesellschaft“ angetan? Überhaupt: wie kann man sich an einem abstrakten Begriff wie der „Gesellschaft“ rächen?

Dass der Täter Zeugnis ablegt für die Motive seiner Tat, hat zunächst einmal keine Aussagekraft. Es bedeutet nicht, dass er sich auch nur im Ansatz klar darüber war, was ihn zu dieser Tat getrieben hat. Diese Rechtfertigung der Tat scheint vielmehr zur Pathologie des Amokläufers zu gehören. Der Amoklauf selbst ist frei von rationalen Kontexten. Nach rationalen Begründungen der Tat zu suchen, würde letzten Endes also auch bedeuten, auf den Selbstbetrug des Amokläufers reinzufallen, jemanden ernst zu nehmen, der weder zurechnungsfähig noch vernünftig ist. Exakt das geschieht aber, wenn man anfängt, den Amoklauf auf gesellschaftliche Determinanten zurückzuführen.

Wenn also alle rational nachvollziehbaren Wege zugestellt sind, was bleibt dann noch übrig, um das Problem des Amoklaufs zu verstehen? Müssen wir uns einfach damit abfinden, dass solche Dinge passieren, wie neulich in der Frankfurter Rundschau vorgeschlagen wurde?

Das Problem der Sinn- und Vernunftlosigkeit macht den Amoklauf zu einem philosophischen Problem. Denn der Amoklauf vernichtet nicht nur physisch Existenzen, sondern attackiert auch die Fundamente unseres Denkens. So ist also die Philosophie in der Pflicht, das Problem des Amoklaufes zu klären, weil sie ausschließlich das Denken zum Gegenstand hat.

Der Weg zu einem Verständnis kann aber selbst mit der Philosophie nicht leicht fallen, ist doch auch die abendländische Philosophie auf Vernunft gegründet. Es ist also nach einer Philosophie zu suchen, die nicht gesellschaftlich, nicht psychologistisch, nicht exoterisch aber auch nicht deduktionslogisch argumentiert.

Eine adäquate Lösung bietet die Phänomenologie. Da sie versucht, die Dinge durch sich selbst, frei von metaphysischen oder sozialendeterministischen Ursachen zu verstehen, kann von der theoretischen Seite her nur sie intellektuelle Herausforderung des Amoklaufs annehmen, ohne ihm ein rationalisierendes Korsett aufzusetzen.

Eine phänomenologische, oder konkreter: existenzialistische Analyse kann allenfalls das Problem klären, was für ein Verhältnis der Täter zu der gesellschaftlichen Realität hatte, was für Krisen in der alltäglichen Lebenspraxis den Amokläufer überwältigen und zu so einer Tat treiben. Durch eine existenzialistische Untersuchung des Amoklaufs könnte es möglich sein, zu klären, was genau an dem Verhältnis des Amokläufers zu seiner Umgebung anders ist, als es für gewöhnlich der Fall ist, mit anderen Worten: Was sein wirkliches Problem ist.

Damit soll für das Phänomen Amoklauf nicht der Phänomenologie das letzte Wort zugesprochen werden. Selbstverständlich können Psychologie, Politologie, Soziologie wichtige Beiträge zum Verständnis des Amoklaufs leisten. Ohne die philosophische Phänomenologie bleibt aber das Bild unvollständig und das Phänomen des Amoklaufs wird ohne ein solches tieferes Verständnis weitere Katastrophen zeitigen. Ein solcher Ansatz, der eine „Dichte Beschreibung“ gegenüber Ursachenforschung favorisiert, und demonstriert, wie das Problem der Gewalt phänomenologisch erfasst werden kann, bietet beispielsweise Trutz von Trothas „Zur Soziologie der Gewalt“, in der er auf eine phänomenologische und deskriptive Weise versucht, das Phänomen der Gewalt zu begreifen; damit bietet er eine gute Basis zum weiteren Verständnis des Amoklaufs, das nicht deduktionslogisch verfahren muss.

Die gesellschaftliche Diskussion läuft aber schon jetzt nach kurzer Zeit wieder in den gewohnten Bahnen: psychologische, politische und soziologische Argumente wechseln einander ab, ohne auch nur einen Schritt weiter zu kommen.

Das Problem, dass das Wesentliche des Amoklaufs die Unverständlichkeit ist, eben jene Unverständlichkeit, die uns erst so schockiert, bleibt unbeachtet. Man klammert sich auf eine naive Weise an der Suche nach Ursachen fest, die sie beim Amoklauf niemals finden kann. Man ignoriert, dass es die substantielle Eigenschaft des Amoklaufs ist, nicht intelligibel, sondern phänomenal zu sein.

Vielleicht- es mag zuviel verlangt sein- werden wir eines Tages soweit sein, dass auch die Philosophie in die Lösung gesellschaftlicher Probleme mit einbezogen wird. Das Bild, das sich momentan bietet ist ein ganz anderes: weder meldet sich die Philosophie zu Wort, noch wird sie allen ernstes im Hinblick auf Lösungsvorschläge befragt. So bleibt nur die Hoffnung, dass die sog. „Entscheidungsträger“ in einer fernen Zukunft auch einmal der Philosophie Beachtung schenken werden, anstatt leer von der Nutzlosigkeit der Geisteswissenschaften daher zu reden. Momentan ist das nichts weiter als Utopie.

Literaturempfehlung: Trotha, Trutz von (1997), "Zur Soziologie der Gewalt", in: Soziologie der Gewalt (Sonderheft 37 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie), hg. von Trutz von Trotha, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 9-56.