Montag, 30. April 2007

Arthur Rimbaud: Faunskopf


Der Einbruch des Wahnsinns in die Realität: Leider dank Klingeltöne, Happy Slapping, 9live und Casting-Shows schon lange Alltag. Das alles wäre nicht so schlimm, wenn diese Art von Wahnsinn nicht von dermaßen schlechter Qualität wäre, dass allenfalls eine satirische Auseinandersetzung übrig bleibt. Rimbaud, der Glückliche, konnte noch satyrisch und zugleich tiefernst mit dem Thema umgehen, er durfte aber auch noch eine andere Qualität von Wahnsinn genießen als unsereiner:

Im Laub, dem grünen Schrein, den Gold umsäumt,
Im Laub, dem ungewissen, prächtig drängend
Mit vollen Blüten, drin der Kuss hinträumt,
Zeigt plötzlich, das erlesne Muster sprengend,

Die beiden Augen ein verirrter Faun
Und packt den roten Blust mit weißen Bissen:
Grad wie ein alter Wein blutvoll und braun
Lacht durchs Gezweig die Lippe hingerissen.

Und ist er- wie ein Eichhorn flink- entflohn,
Perlt noch von jedem Blatt sein Lachen nieder,
Und man sieht, aufgeschreckt vom Gimpelton,
Den goldnen Kuß des Walds,- dann träumt er wieder

Donnerstag, 26. April 2007

www.gesellschaftskritik24.de


„Der Mensch ohne Vorurtheil“ ist jetzt auch unter www.gesellschaftskritik24.de zu erreichen. Der Grund hierfür: einfacher zu merken, und den gesellschaftlichen Verhältnissen angepasst. Die Internetisierung der Lebenswelt fordert es!

In einem Land, in dem fast jeder weiß, dass die 24 am Ende eines Wortes die digitalisierte Form eines Gegenstandes –sei er gedachter oder dinglicher, oft kommerzieller Natur- darstellt, ist Gesellschaftskritik24 das passende Symbol für digitalisierte Gesellschaftskritik.

Aber: mit Unternehmen, die gerne mal eine 24 an ihren Namen hängen, hat das nicht direkt etwas zu tun. Sie stellt vielmehr eine Konzession an diejenigen Kritiker dar, die da sagen, man könne Gesellschaft nicht wirklich kritisieren, da man ja selbst aus eben dieser gesellschaftlichen Lebenspraxis heraus argumentiert. Die 24 will also sagen: Der Autor dieser Seiten ist sich dieses Problems bewusst, darum ist er auch bereit seine eigene digitale Verdinglichung durch einen passenden Domain-Namen anzudeuten.

Davon abgesehen hat jemand gesellschaftskritik ohne die 24 bereits registriert…

Montag, 23. April 2007

Der Amoklauf, das unbeachtete Phänomen


Dass in den letzten Tagen in den Medien wieder verstärkt über einen Amoklauf berichtet und nachgedacht wird, sollte nicht über den Umstand hinwegtäuschen, dass bei all dieser Diskussion der Amoklauf selbst kaum zur Debatte steht. Wovon die Rede ist, ist die Geschichte eines bestimmten (Massen)mords. In die Waagschale werden wieder diverse Kritiken am amerikanischen Gesellschaftsmodell und verschiedene psychologische Begründungen geworfen.

Für gewöhnlich sagt man nach so einer Tat: die Waffenlobby, überhaupt, der „American Way of life“ sei daran Schuld. Leicht erhält man in den USA Zugang zu Waffen und Munition, darum sei der Amoklauf ein typisches Merkmal amerikanischer Lebensweise.

Auch der aktuelle Amokläufer hatte etwa die Hälfte seines Lebens in den USA verbracht. Aber –soviel weiß man zum jetzigen Zeitpunkt- vom Lebensstil der US-Amerikaner war er gar nicht begeistert. So erklärte er er in seiner Videobotschaft: „All eure Ausschweifungen waren nicht genug. Sie reichten nicht, eure hedonistischen Bedürfnisse zu befriedigen. Ihr hattet alles.“ Die Gesellschaft habe ihm „nur eine Option gelassen“, er wurde zu der Tat gezwungen, „in die Ecke getrieben“. Kurz: er hatte die Schnauze voll von der US-amerikanischen Gesellschaft, daher wollte er sich rächen.

Auf den ersten Blick betrachtet, hat man sowohl das Motiv der Tat als auch den Täter. Die Diskussion um Waffen in den USA, die „National Riffle Association“, die Schere zwischen Arm und Reich kann wieder von vorne beginnen. Schon jetzt ist abzusehen, dass Michael Moore sich wieder zu Wort melden und als selbsternannte Öffentliche Meinung die Diskussion dominieren dürfte.

Dass diesmal der Täter keiner war, der sein ganzes Leben in den USA verbracht hat, lässt aber auch die Hoffnung aufkeimen, dass die Diskussion diesmal anders verlaufen könnte, dass die Ursachen von Amok nicht einmal mehr auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA reduziert werden, sondern versucht wird, den Amoklauf in seiner phänomenalen Vollständigkeit zu begreifen, nämlich als ein unverständlicher Ausbruch von Gewalt. Jene unverständliche Gewalt ist es, die das Phänomen Amoklauf überhaupt ausmacht, wie auch aus der Definition der WHO hervorgeht:

„Eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich (fremd-)zerstörerischen Verhaltens.“

Willkürlichkeit und mangelnde Provokation zur Tat bedeuten implizieren genau diese Faktoren: Unverständlichkeit, sinnlose, rational nicht nachvollziehbare Ausübung von Gewalt in enormen Ausmaßen. Betrachtet man aber die öffentlichen Auseinandersetzungen mit Amokläufen der Vergangenheit, so muss man feststellen, dass diese im Kern von Fragen nach den individuellen Lebensumständen der Täter, ihrer pathogenen Psychen und schließlich gesellschaftlichen Positionen geleitet ist. Gesucht werden in der Regel intersubjektiv nachvollziehbare Gründe für ihr Handeln, also eine Antwort auf die simple Frage: warum?

Doch eben das Aufsuchen irgendwelcher rational nachvollziehbaren Gründe verfehlt den Kern des Phänomens. Fragt man nach einer Begründung der Tat, spricht man schon a priori nicht mehr von einem Amoklauf, sondern von einem Rachemord, einer Verzweiflungstat, oder was auch immer- nicht aber vom Todeslauf, zu dessen Charakter es gehört, nicht rational nachvollziehbar zu sein.

Gewiss, der Täter selbst hat seine Tat als Rache an der Gesellschaft begründen können. Doch ist leicht einzusehen, dass seine Begründungen mit den Mitteln der Vernunft nur schwer einzusehen sind.

Wenn es wirklich eine Rache war, warum hat der Täter dann wahllos Menschen ermordet, die mit seiner persönlichen Biographie keine Berührungspunkte hatten? Warum hat er nicht gezielt diejenigen gemordet, die ihm konkret etwas angetan haben? Wenn es ihm um die Gesamtgesellschaft ging, warum hat er dann Menschen aus seinem eigenen Lebensumfeld ermordet und nicht Attentate auf Politiker begangen, die als Ziel für seine Vorwürfe ein weit besseres Ziel abgegeben hätten? Warum hat er überhaupt nicht ein weit größeres Attentat verübt, beispielsweise mittels Bomben? Wofür hatte er sich an der Gesellschaft zu rächen, was hat ihm „die Gesellschaft“ angetan? Überhaupt: wie kann man sich an einem abstrakten Begriff wie der „Gesellschaft“ rächen?

Dass der Täter Zeugnis ablegt für die Motive seiner Tat, hat zunächst einmal keine Aussagekraft. Es bedeutet nicht, dass er sich auch nur im Ansatz klar darüber war, was ihn zu dieser Tat getrieben hat. Diese Rechtfertigung der Tat scheint vielmehr zur Pathologie des Amokläufers zu gehören. Der Amoklauf selbst ist frei von rationalen Kontexten. Nach rationalen Begründungen der Tat zu suchen, würde letzten Endes also auch bedeuten, auf den Selbstbetrug des Amokläufers reinzufallen, jemanden ernst zu nehmen, der weder zurechnungsfähig noch vernünftig ist. Exakt das geschieht aber, wenn man anfängt, den Amoklauf auf gesellschaftliche Determinanten zurückzuführen.

Wenn also alle rational nachvollziehbaren Wege zugestellt sind, was bleibt dann noch übrig, um das Problem des Amoklaufs zu verstehen? Müssen wir uns einfach damit abfinden, dass solche Dinge passieren, wie neulich in der Frankfurter Rundschau vorgeschlagen wurde?

Das Problem der Sinn- und Vernunftlosigkeit macht den Amoklauf zu einem philosophischen Problem. Denn der Amoklauf vernichtet nicht nur physisch Existenzen, sondern attackiert auch die Fundamente unseres Denkens. So ist also die Philosophie in der Pflicht, das Problem des Amoklaufes zu klären, weil sie ausschließlich das Denken zum Gegenstand hat.

Der Weg zu einem Verständnis kann aber selbst mit der Philosophie nicht leicht fallen, ist doch auch die abendländische Philosophie auf Vernunft gegründet. Es ist also nach einer Philosophie zu suchen, die nicht gesellschaftlich, nicht psychologistisch, nicht exoterisch aber auch nicht deduktionslogisch argumentiert.

Eine adäquate Lösung bietet die Phänomenologie. Da sie versucht, die Dinge durch sich selbst, frei von metaphysischen oder sozialendeterministischen Ursachen zu verstehen, kann von der theoretischen Seite her nur sie intellektuelle Herausforderung des Amoklaufs annehmen, ohne ihm ein rationalisierendes Korsett aufzusetzen.

Eine phänomenologische, oder konkreter: existenzialistische Analyse kann allenfalls das Problem klären, was für ein Verhältnis der Täter zu der gesellschaftlichen Realität hatte, was für Krisen in der alltäglichen Lebenspraxis den Amokläufer überwältigen und zu so einer Tat treiben. Durch eine existenzialistische Untersuchung des Amoklaufs könnte es möglich sein, zu klären, was genau an dem Verhältnis des Amokläufers zu seiner Umgebung anders ist, als es für gewöhnlich der Fall ist, mit anderen Worten: Was sein wirkliches Problem ist.

Damit soll für das Phänomen Amoklauf nicht der Phänomenologie das letzte Wort zugesprochen werden. Selbstverständlich können Psychologie, Politologie, Soziologie wichtige Beiträge zum Verständnis des Amoklaufs leisten. Ohne die philosophische Phänomenologie bleibt aber das Bild unvollständig und das Phänomen des Amoklaufs wird ohne ein solches tieferes Verständnis weitere Katastrophen zeitigen. Ein solcher Ansatz, der eine „Dichte Beschreibung“ gegenüber Ursachenforschung favorisiert, und demonstriert, wie das Problem der Gewalt phänomenologisch erfasst werden kann, bietet beispielsweise Trutz von Trothas „Zur Soziologie der Gewalt“, in der er auf eine phänomenologische und deskriptive Weise versucht, das Phänomen der Gewalt zu begreifen; damit bietet er eine gute Basis zum weiteren Verständnis des Amoklaufs, das nicht deduktionslogisch verfahren muss.

Die gesellschaftliche Diskussion läuft aber schon jetzt nach kurzer Zeit wieder in den gewohnten Bahnen: psychologische, politische und soziologische Argumente wechseln einander ab, ohne auch nur einen Schritt weiter zu kommen.

Das Problem, dass das Wesentliche des Amoklaufs die Unverständlichkeit ist, eben jene Unverständlichkeit, die uns erst so schockiert, bleibt unbeachtet. Man klammert sich auf eine naive Weise an der Suche nach Ursachen fest, die sie beim Amoklauf niemals finden kann. Man ignoriert, dass es die substantielle Eigenschaft des Amoklaufs ist, nicht intelligibel, sondern phänomenal zu sein.

Vielleicht- es mag zuviel verlangt sein- werden wir eines Tages soweit sein, dass auch die Philosophie in die Lösung gesellschaftlicher Probleme mit einbezogen wird. Das Bild, das sich momentan bietet ist ein ganz anderes: weder meldet sich die Philosophie zu Wort, noch wird sie allen ernstes im Hinblick auf Lösungsvorschläge befragt. So bleibt nur die Hoffnung, dass die sog. „Entscheidungsträger“ in einer fernen Zukunft auch einmal der Philosophie Beachtung schenken werden, anstatt leer von der Nutzlosigkeit der Geisteswissenschaften daher zu reden. Momentan ist das nichts weiter als Utopie.

Literaturempfehlung: Trotha, Trutz von (1997), "Zur Soziologie der Gewalt", in: Soziologie der Gewalt (Sonderheft 37 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie), hg. von Trutz von Trotha, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 9-56.

William Blake: Die kranke Rose


Der vorauseilende Gehorsam der Politik, den Großvermögenden immer alles recht zu machen, ist schon bitter genug; bitterer noch ist es, das Gejammer von Konzernchefs zu hören, sie würden zum Wohl der Allgemeinheit kündigen, Gehälter kürzen, das soziale System kurz und klein hauen, Champagner saufen, sich in Luxus suhlen. So gut es diese Menschen auch meinen, ihre Liebe zum Menschen ist doch so problematisch, wie es die Liebe des Wurms zur Rose ist, die William Blake in folgendem Gedicht beschreibt:


Die kranke Rose

O Rose, du krankst!
Der tückische Wurm,
der fliegt in der Nacht,
im heulenden Sturm

fand aus dein Bett
voll rosiger Lust,
seine düstere Liebe
zernagt Dir die Brust.

Mittwoch, 18. April 2007

Geistige Aberrationen, Kapitel 1: Die unverschämteste Werbung seitdem es Fernseher gibt


Wenn man die letzten Tage den Mut besessen hat, sich Fernseh-Werbung anzuschauen, wird einem ein Spot vielleicht besonders aufgefallen sein.


Da sitzt eine attraktive, junge Frau in Unterwäsche, und trägt in schlechtem sächsisch ein Gedicht vor, dass ihr ihre Mutter auf dem Sterbebett mitgegeben haben soll. Die Frau kommentiert, das Gedicht -jetzt wieder in normalem Deutsch- damit, dass es "weder cool noch clever" sei "berühmte Werke schamlos zu kopieren", und dass sie immer,immer, immer "authentisch" sein möchte, egal was sie tut. Um den Schwachsinn zu komplettieren, aklamiert sie rasch noch ein sinnfreies "This is Living", die Kamera schwenkt zurück, das Logo des Produktes erscheint. Die Kamera schwenkt zurück, man erkennt, dass die Frau auf der Toilette sitzt, sie spült.


Hat man sich gefangen und vielleicht auch an der frischen Luft erholt, kann man sich dann irgendwann die Frage stellen, ob das ernst gemeint sein kann und was diese Werbung eigentlich sagen möchte..
Ich behaupte: Diese Werbung macht deutlich, dass der Konsument nun endgültig in den Hintergrund getreten und von immer schamloser werdenden Mega-Kapitalisten als mittlerweile völlig machtloses Objekt betrachtet wird. An dieser Werbung zeigt sich, dass gigantische Unternehmen keine Mühe mehr darauf verschwenden, den Konsumenten Bedürfnisse einzureden, sondern der Auffassung ist, ihn schon längst dressiert und in der Tasche zu haben. Diese Werbung spuckt dem Zuschauer ins Gesicht.


Formal neuartig ist diese Werbung nicht. Man kennt ja schon die einzelnen Phrasen dieser Werbung zu genüge aus anderen Zusammenhängen. "This is living", "Authentizität", eine schönen Frau mit unüberhörbarem Dialekt, das alles hängt einem schon lange zum Gehirn raus, allein die Macher dieses Filmchens halten das nach wie vor für witzig.


Doch obwohl es das schon alles gab, ist diese Werbung anders. Sie ist anders, weil sie Symptom einer Sublimierung der Verdummungsgsmaschinerie ist. Bislang hatte eine "gut gemachte" Werbung immerhin zum Ziel, das einzige und eigentliche Interesse der Firma an Werbung zu verschleiern, nämlich das beworbene Produkt zu verkaufen. Diese Werbung hat aber offensichtlich nicht das Interesse, ihrem Zuschauer eine "gut gemachte" Werbung zu präsentieren,sondern irgendeine. Denn während eine "gut gemachte" Werbung davon ausgeht, dass sie ihrem Publikum noch eine gewisse Form anbieten muss, um den Käufer die Illusion des freiwilligen Kaufs des Produktes zu erhalten, unterstellt diese andere Art der Werbung , dass sie dem Publikum einfach alles servieren kann, ohne das dieses aufbegehren werde.


Nun existiert nicht nur eine formale Differenz zwischen den zwei verschiedenen Werbearten, sondern auch eine hinsichtlich der Einschätzung des Publikums. Erstere setzt noch einen halbwegs mündigen Menschen voraus, der überredet werden muss, indem man ihm vorgaukelt, man hätte an ihm als Menschen noch Interesse. Für die Letztere scheint Werbung nur eine Art Reiz zu sein, ein Gestus, durch welchen der konditionierte Mensch daran erinnert werden soll, dass er die bürgerliche Pflicht zum Konsum habe. Sie wirbt genau wie die andere, um zu verkaufen, sieht den Konsumenten aber als eine Art Maschine an, mit der sie nur in Kontakt treten muss, um den Schalter zu betätigen. Der Finger, der diesen Schalter betätigt, soll die Werbung sein, die Präsentation ist irrelevant, kann sinnlos sein. Damit hat sie auch noch den letzten Respekt vor dem Käufer verloren.


Alleine die übertriebene Apostrophierung des Begriffs "Authentizität" im Zusammenhang mit dem Produkt -es handelt sich um eine Spielekonsole- ist dergestalt unverschämt, dass einem klar wird, wie sicher sich schon die Unterhaltungsindustrie sein muss, ihren Konsumenten verstandes- und willenlos gemacht zu haben. Eine Werbung, die nur aus libertären Phrasen gepaart mit Sinnlosigkeit und einem Produkt, dass auf die untersten motorischen Bewegungen des Menschen abzielt, besteht, zeugt von einem Menschenbild, das den Menschen positiv mit dem Konsumenten identifiziert. Wo aber der Mensch mit dem Konsumenten identifiziert wird, kann nur noch die Rede von Menschenverachtung sein.


Menschen verachtend ist auch die Respektlosigkeit gegenüber dem Andenken ihrer Mutter auf dem Totenbett, zu der sie sich ideologisch verpflichtet fühlt. Dass ihre Mutter ein Mensch mit Schwächen ist, spielt für sie keine Rolle. Die Frau dieser Werbung ist eine Marionette, die nur das nachplappert, was die Unterhaltungsindustrie tagaus, tagein vom Bildschirm predigt: Das Kopieren- schon jetzt das große Gespenst des 21. Jahrhunderts- ein Angriff auf das hehre Ziel von "authentisch sein" sei, seien es nun Elektronik, Unterhaltungsmedien oder was auch immer. Wichtiger als alles andere ist es dieser Frau, "authentisch zu sein" . Für Produktkopiererei -bei ihr wird auch ein Gedicht zum Produkt- hat sie nur Spott übrig, selbst wenn die verächtlich gemachte Person eine nahestehende Blutsverwandte ist.


Übersetzt lautet also die Botschaft dieser Werbung: Authentizität geht vor zwischenmenschlichen Beziehungen, Authentizität heißt aber "Die Originalität des Produkts ist unantastbar", ergo hat das Produkt eine höheren Wert als menschliche Beziehungen, ergo ist der Mensch der Ware nachgeordnet. Die Ware ist aber ihren Schöpfern nachgeordnet, also hat der Mensch den Machern des Produktes zu dienen. Deren einziger Befehl aber lautet: Mund halten und kaufen!


Die Botschaft dieser Werbung kann also nur so verstanden werden, als dass sie einerseits zum Ausdruck bringt, dass die Ware bzw. ihre Schöpfer an oberster Stelle der Gesellschaft stehen soll und andererseits, dass der Zuschauer schon so entfremdet ist, dass er nicht einmal mehr begreift, was für eine Wertschätzung des Käufers mit dieser Werbung zum Ausdruck gebracht wird: nämlich überhaupt keine.

Montag, 16. April 2007

Charles Baudelaire: Ein Stück Aas


Die Sonne scheint endlich wieder, der Sommer ist schon etwas früh da. Da zeigt man nun gerne, was man hat, vor allem, wenn man nur das hat, was man zeigen kann.

Kein Grund, das böse Ende zu vergessen, daher als "Gedicht der Woche" eines von Baudelaire:

Ein Stück Aas

Erinnre, was wir sahn, o Seele, an dem Morgen
Da uns des Sommers Glück bestach:
An eines Weges Bug, im Kieselbett verborgen,
Lag eines Aases dreiste Schmach,

Die Beine reckend wie ein geiles Weib in Sünde,
Im Brand vertriefend giftigen Schweiß
Und gab uns schamlos unbekümmert alle Gründe
Des Schoßes voll Gestankes preis.

Die Sonne flammte licht auf diesem Moderleibe,
Als koche sie die Fäulnis gar
Und hundertfältig der Natur zurückverleibe
Was durch sie einsgeworden war.

Der Himmel schaute zu, wie dieses Prachtgerippe
Aufblühte wie ein Knospenflor;
Der Stank war so, daß dich beinah der Ohnmacht Hippe
Gefällt ins Rasenstück davor.

Die Fliegen summten froh auf dieses Bauches Fäule,
Und aus ihm floß die schwarze Schar
Der Larven zähe wie der Saft der Eiterbeule,
Die Fetzen lang, drin Leben war.

Dies alles senkte sich und stieg wie eine Welle,
Wenn es nicht knisternd sich entband;
Man meinte, daß der Leib, den irrer Atem schwelle,
Sich mehrend neue Leben fand.

Und diese Welt gab leis ein seltsam Tönen wieder,
Wie Wind und Wassers Lauf es gibt
Oder im Sieb das Korn, das schwingend auf und nieder
Der Landmann wirbelt, wenn er siebt.

Die Formen wurden schwank, als ob man sie nur träumte,
Gleich dem Entwurf, der liegenblieb
Und den der Künstler, der zur rechten Stunde säumte,
Aus dem Gedächtnis weitertrieb.

Am Felsen lauerte ein Hund bei dem Geschmeiße
Und bös blickend Zähne wies;
Er wartete, bis er aus dem Gerippe reiße
Den Fetzen, den er fahren ließ.

- Und dabei wirst auch du einst diesem Schmutze gleichen,
Dem Unrat, der dort grausig klafft,
Du Sonne meiner Welt, du Sternbild ohnegleichen,
Mein Engel, meine Leidenschaft!

O ja! So wirst Du sein, o Königin der Gnaden,
Wenn du im Trost der letzten Weihn
Dann unter fettem Gras und Blumen bei den Maden
Verfaulst mit anderem Gebein.

Dann, holde Schönheit, sprich und dem Gewürme sage,
das dich im Fraß der Küsse minnt,
Daß ich unsterblich in mir Form und Wesen trage
der Lieben, die verfallen sind!

Wozu ein Anfang zu machen sei



Das ungemeine Vergnügen, das wir daran finden, von uns selbst zu sprechen, sollte uns fürchten lassen, dass wir damit unseren Zuhörern keines bereiten

(La Rouchefoucauld, Maximen und Reflexionen Nr. 314)


Ein neues Blog muss die berechtigte Frage aufwerfen, zu welchem Zweck und Ende der Autor so etwas in die Welt gesetzt hat. Immerhin gibt es bereits eine nicht unbedeutende Anzahl von Autoren, die sich täglich öffentlich mit sich selbst auseinandersetzen. Oft sparen sie jedoch die Frage aus, wozu sie dieses nun eigentlich tun. Sollen ihre Selbstreflexionen der Allgemeinheit zur Unterhaltung dienen? Haben sie der Welt etwas Neues mitzuteilen? Verfolgen sie das Ziel von ihnen erkannte Wahrheiten, unbedingt zum Gehör eines breiten Publikums zu bringen? Treibt die Eitelkeit sie zur Schaustellung ihrer Person?

Ohne Zweifel kann ein Blog all diese Funktionen erfüllen, und viele werden auch andere Zwecke als die genannten haben. Was dieses Blog betrifft, so ist der Autor gewillt, dem geneigten Leser seine Absichten in aller Offenheit mitzuteilen, gerade so, als ob er einem Freund antwortet, dem er gerade bei einem Spaziergang begegnet ist.


Da klare Antworten kurz sein dürfen, nimmt der Autor Abstand davon, seine Ziele in tosenden Wortkaskaden zu verschleiern und antwortet klipp und klar: Weil er sich selbst Klarheit über sein Denken verschaffen möchte.

Freilich, eines Publikums bedürfte es hierfür eigentlich nicht. Das Denken scheint ja eine sehr private Sache zu sein. Nur wenigen ist es bislang gelungen in die intimen Sphären der Denkprozesse anderer Menschen einzudringen und selbst wo man meinte, dies wäre eine einfache Sache, gab es noch immer genügend Unklarheiten und Rätsel um ganze Professorengenerationen zu beschäftigen- wie die Geisteswissenschaften beweisen. Man kann sich also leicht ausrechnen, wie wenig aussichtsreich die Hoffnung auf ein „öffentliches Denken“ ist oder etwa die die Vermutung, man könne von einer Leserschaft kennengelernt werden, wenn man sich nur mitteile. Um es mit Büchners Danton zu sagen:

Geh, wir haben grobe Sinne.
Einander kennen? Wir müßten uns
die Schädeldecken aufbrechen und
die Gedanken einander aus den
Hirnfasern zerren.

Wenn also der Autor schon nicht hoffen darf, er könne seine Gedanken den Lesern deutlich mitteilen, dann hat also doch die Eitelkeit des Autors diesen Versuch geboren? Die Eitelkeit, sich zur Schau zu stellen, um vielleicht trotz Unverständnisses (oder gerade deswegen) Applaus zu erhalten?
Der so denkende Leser kann beruhigt sein. Die Ziele des Autors sind weit bescheidener und erwachsen nicht aus einer Überschätzung seiner eigenen Fähigkeiten, sondern vielmehr aus einem bestimmten Mangel, nämlich seiner fehlenden Begeisterung, Texte für die Schublade zu produzieren. Mit dieser mangelnden Ausdauer ist auch seine Hoffnung verbunden, er habe eine Motivation gefunden, um seine Gedanken tatsächlich regelmäßig niederzuschreiben, sich zur Mitteilung zu verpflichten, wenn auch nur die leise Hoffnung auf das Gehör einer Leserschaft besteht.

Ganz ohne Nutzen soll der Leser aus diesem Versuch nicht entlassen werden. Womöglich findet der Leser - auch wenn er sich nicht mit den hier noch darzulegenden Überlegungen einverstanden erklären sollte- doch die eine oder andere Anregung, sich selbst seine Gedanken zu machen. Vielleicht fühlt er sich sogar dann und wann provoziert und greift selbst zur Tastatur, um mit einer scharfen Replik die Argumentation zu zerschneiden. Wie auch immer die Reaktion des geneigten Lesers sein mag, in dem Moment, in dem er sich von dem hier geschriebenen berührt fühlt –sei es nun positiv oder negativ- hat er die Einladung des Autors entgegengenommen, hat er die Schwelle von der bloßen Kenntnisnahme überschritten, hat er so seinen Nutzen aus diesem Blog gewonnen.

Inhaltlich wird es hier keineswegs um Dinge gehen, die dem Leser unbekannt oder schwer verständlich sein werden; Literatur, Kunst, Musik und gesellschaftliche Probleme kennt ein jeder, eine große Anzahl von Menschen bleibt von ihnen nicht unberührt und einige verstehen sie sogar. Um eben diese Dinge wird es hier gehen. Weil der Verfasser täglich mit ihnen umgeht, will er seine Gedanken hierzu mit dem Leser teilen und hofft, er selber werde dies regelmäßig tun und der Leser werde sie als Anregung für eigene Gedanken nutzen oder irgendeine andere ihm genehme Verwendung hierfür finden.

Konkret gesprochen werden hier Rezensionen, Texte und Meinungen zu literarischen Texten, Gedanken zu philosophischen Texten, aber auch Berichte zu aktuellen Veranstaltungen in Frankfurt präsentiert. Insofern versteht sich dieses Blog auch als eine Art lokales Rezensionsorgan.

Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass sich der Urheber dieser Seite persönlich drei Dinge wünscht:

1. Dass Vernunft und Kunst zum Maßstab gesellschaftlichen Handelns erhoben werde.
2. Dass diese Erhebung der Vernunft ein für allemal den gesellschaftlichen Aberglauben (wie etwa Kapitalismus, Esoterik, Verschwörungstheorien, Kirchen, Vorurteile und dergleichen) auslöschen wird.
3. Dass die Kunst das Diktum Theophile Gautiers zu ihrem kategorischen Imperativ mache.


Dies ist der Ausgangspunkt der Reflexionen, welche dem Leser auf diesem Blog präsentiert werden. Daher auch der Titel „Der Mensch ohne Vorurtheil“, der sich an die Zeitschrift „Der Mann ohne Vorurtheil“ lehnt, die vom Wiener Aufklärer Sonnenfels in den 60er und 70er Jahren des 18. Jahrhunderts herausgegeben wurde. So wie in der Zeit der Aufklärung Vernunft und Kunst, Philosophie und Eleganz, Denken und Leben eine Verbindung einzugehen suchten, so ist es der Wunsch des Autors, dass über diese Zeit des technologischen Obskurantismus jene Verbindungen triumphieren werden.

Zu guter letzt hofft der Autor, dass er seine Leser mit diesem Blog zumindest ein wenig erfreuen kann und dass für ihn nicht die Worte Montaignes gelten:

Mit großen Eifer hebt der Mann
Nun großen Quatsch zu reden an.

(Michel de Montaigne, Essais, Drittes Buch, Über das Nützliche und das Rechte)

Ein letztes Wort und eine Art Vorausschau: Eingeleitet wird dieses Blog in wenigen Tagen mit einer Serie von Buchvorstellungen, die sich „Bibliothek der Deutschlandfernen Werke“ nennt und Bücher behandeln wird, die a) Für andere Nationen von größter künstlerischer oder gesellschaftlicher Bedeutung sind b) In Deutschland allenfalls in speziellen universitären Seminaren behandelt werden, aber der Allgemeinheit unbekannt sein dürften und c) einen ausgezeichneten Einblick in die Sitten und Gedankenwelt anderer Länder und Kulturen erlauben. Phantastische und groteske Werke werden bevorzugt. Die erste Buchbesprechung wird dem brasilianischen Epos „Macunaíma“ von Mário de Andrade gewidmet sein.