Montag, 16. April 2007

Charles Baudelaire: Ein Stück Aas


Die Sonne scheint endlich wieder, der Sommer ist schon etwas früh da. Da zeigt man nun gerne, was man hat, vor allem, wenn man nur das hat, was man zeigen kann.

Kein Grund, das böse Ende zu vergessen, daher als "Gedicht der Woche" eines von Baudelaire:

Ein Stück Aas

Erinnre, was wir sahn, o Seele, an dem Morgen
Da uns des Sommers Glück bestach:
An eines Weges Bug, im Kieselbett verborgen,
Lag eines Aases dreiste Schmach,

Die Beine reckend wie ein geiles Weib in Sünde,
Im Brand vertriefend giftigen Schweiß
Und gab uns schamlos unbekümmert alle Gründe
Des Schoßes voll Gestankes preis.

Die Sonne flammte licht auf diesem Moderleibe,
Als koche sie die Fäulnis gar
Und hundertfältig der Natur zurückverleibe
Was durch sie einsgeworden war.

Der Himmel schaute zu, wie dieses Prachtgerippe
Aufblühte wie ein Knospenflor;
Der Stank war so, daß dich beinah der Ohnmacht Hippe
Gefällt ins Rasenstück davor.

Die Fliegen summten froh auf dieses Bauches Fäule,
Und aus ihm floß die schwarze Schar
Der Larven zähe wie der Saft der Eiterbeule,
Die Fetzen lang, drin Leben war.

Dies alles senkte sich und stieg wie eine Welle,
Wenn es nicht knisternd sich entband;
Man meinte, daß der Leib, den irrer Atem schwelle,
Sich mehrend neue Leben fand.

Und diese Welt gab leis ein seltsam Tönen wieder,
Wie Wind und Wassers Lauf es gibt
Oder im Sieb das Korn, das schwingend auf und nieder
Der Landmann wirbelt, wenn er siebt.

Die Formen wurden schwank, als ob man sie nur träumte,
Gleich dem Entwurf, der liegenblieb
Und den der Künstler, der zur rechten Stunde säumte,
Aus dem Gedächtnis weitertrieb.

Am Felsen lauerte ein Hund bei dem Geschmeiße
Und bös blickend Zähne wies;
Er wartete, bis er aus dem Gerippe reiße
Den Fetzen, den er fahren ließ.

- Und dabei wirst auch du einst diesem Schmutze gleichen,
Dem Unrat, der dort grausig klafft,
Du Sonne meiner Welt, du Sternbild ohnegleichen,
Mein Engel, meine Leidenschaft!

O ja! So wirst Du sein, o Königin der Gnaden,
Wenn du im Trost der letzten Weihn
Dann unter fettem Gras und Blumen bei den Maden
Verfaulst mit anderem Gebein.

Dann, holde Schönheit, sprich und dem Gewürme sage,
das dich im Fraß der Küsse minnt,
Daß ich unsterblich in mir Form und Wesen trage
der Lieben, die verfallen sind!

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