Montag, 16. April 2007

Wozu ein Anfang zu machen sei



Das ungemeine Vergnügen, das wir daran finden, von uns selbst zu sprechen, sollte uns fürchten lassen, dass wir damit unseren Zuhörern keines bereiten

(La Rouchefoucauld, Maximen und Reflexionen Nr. 314)


Ein neues Blog muss die berechtigte Frage aufwerfen, zu welchem Zweck und Ende der Autor so etwas in die Welt gesetzt hat. Immerhin gibt es bereits eine nicht unbedeutende Anzahl von Autoren, die sich täglich öffentlich mit sich selbst auseinandersetzen. Oft sparen sie jedoch die Frage aus, wozu sie dieses nun eigentlich tun. Sollen ihre Selbstreflexionen der Allgemeinheit zur Unterhaltung dienen? Haben sie der Welt etwas Neues mitzuteilen? Verfolgen sie das Ziel von ihnen erkannte Wahrheiten, unbedingt zum Gehör eines breiten Publikums zu bringen? Treibt die Eitelkeit sie zur Schaustellung ihrer Person?

Ohne Zweifel kann ein Blog all diese Funktionen erfüllen, und viele werden auch andere Zwecke als die genannten haben. Was dieses Blog betrifft, so ist der Autor gewillt, dem geneigten Leser seine Absichten in aller Offenheit mitzuteilen, gerade so, als ob er einem Freund antwortet, dem er gerade bei einem Spaziergang begegnet ist.


Da klare Antworten kurz sein dürfen, nimmt der Autor Abstand davon, seine Ziele in tosenden Wortkaskaden zu verschleiern und antwortet klipp und klar: Weil er sich selbst Klarheit über sein Denken verschaffen möchte.

Freilich, eines Publikums bedürfte es hierfür eigentlich nicht. Das Denken scheint ja eine sehr private Sache zu sein. Nur wenigen ist es bislang gelungen in die intimen Sphären der Denkprozesse anderer Menschen einzudringen und selbst wo man meinte, dies wäre eine einfache Sache, gab es noch immer genügend Unklarheiten und Rätsel um ganze Professorengenerationen zu beschäftigen- wie die Geisteswissenschaften beweisen. Man kann sich also leicht ausrechnen, wie wenig aussichtsreich die Hoffnung auf ein „öffentliches Denken“ ist oder etwa die die Vermutung, man könne von einer Leserschaft kennengelernt werden, wenn man sich nur mitteile. Um es mit Büchners Danton zu sagen:

Geh, wir haben grobe Sinne.
Einander kennen? Wir müßten uns
die Schädeldecken aufbrechen und
die Gedanken einander aus den
Hirnfasern zerren.

Wenn also der Autor schon nicht hoffen darf, er könne seine Gedanken den Lesern deutlich mitteilen, dann hat also doch die Eitelkeit des Autors diesen Versuch geboren? Die Eitelkeit, sich zur Schau zu stellen, um vielleicht trotz Unverständnisses (oder gerade deswegen) Applaus zu erhalten?
Der so denkende Leser kann beruhigt sein. Die Ziele des Autors sind weit bescheidener und erwachsen nicht aus einer Überschätzung seiner eigenen Fähigkeiten, sondern vielmehr aus einem bestimmten Mangel, nämlich seiner fehlenden Begeisterung, Texte für die Schublade zu produzieren. Mit dieser mangelnden Ausdauer ist auch seine Hoffnung verbunden, er habe eine Motivation gefunden, um seine Gedanken tatsächlich regelmäßig niederzuschreiben, sich zur Mitteilung zu verpflichten, wenn auch nur die leise Hoffnung auf das Gehör einer Leserschaft besteht.

Ganz ohne Nutzen soll der Leser aus diesem Versuch nicht entlassen werden. Womöglich findet der Leser - auch wenn er sich nicht mit den hier noch darzulegenden Überlegungen einverstanden erklären sollte- doch die eine oder andere Anregung, sich selbst seine Gedanken zu machen. Vielleicht fühlt er sich sogar dann und wann provoziert und greift selbst zur Tastatur, um mit einer scharfen Replik die Argumentation zu zerschneiden. Wie auch immer die Reaktion des geneigten Lesers sein mag, in dem Moment, in dem er sich von dem hier geschriebenen berührt fühlt –sei es nun positiv oder negativ- hat er die Einladung des Autors entgegengenommen, hat er die Schwelle von der bloßen Kenntnisnahme überschritten, hat er so seinen Nutzen aus diesem Blog gewonnen.

Inhaltlich wird es hier keineswegs um Dinge gehen, die dem Leser unbekannt oder schwer verständlich sein werden; Literatur, Kunst, Musik und gesellschaftliche Probleme kennt ein jeder, eine große Anzahl von Menschen bleibt von ihnen nicht unberührt und einige verstehen sie sogar. Um eben diese Dinge wird es hier gehen. Weil der Verfasser täglich mit ihnen umgeht, will er seine Gedanken hierzu mit dem Leser teilen und hofft, er selber werde dies regelmäßig tun und der Leser werde sie als Anregung für eigene Gedanken nutzen oder irgendeine andere ihm genehme Verwendung hierfür finden.

Konkret gesprochen werden hier Rezensionen, Texte und Meinungen zu literarischen Texten, Gedanken zu philosophischen Texten, aber auch Berichte zu aktuellen Veranstaltungen in Frankfurt präsentiert. Insofern versteht sich dieses Blog auch als eine Art lokales Rezensionsorgan.

Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass sich der Urheber dieser Seite persönlich drei Dinge wünscht:

1. Dass Vernunft und Kunst zum Maßstab gesellschaftlichen Handelns erhoben werde.
2. Dass diese Erhebung der Vernunft ein für allemal den gesellschaftlichen Aberglauben (wie etwa Kapitalismus, Esoterik, Verschwörungstheorien, Kirchen, Vorurteile und dergleichen) auslöschen wird.
3. Dass die Kunst das Diktum Theophile Gautiers zu ihrem kategorischen Imperativ mache.


Dies ist der Ausgangspunkt der Reflexionen, welche dem Leser auf diesem Blog präsentiert werden. Daher auch der Titel „Der Mensch ohne Vorurtheil“, der sich an die Zeitschrift „Der Mann ohne Vorurtheil“ lehnt, die vom Wiener Aufklärer Sonnenfels in den 60er und 70er Jahren des 18. Jahrhunderts herausgegeben wurde. So wie in der Zeit der Aufklärung Vernunft und Kunst, Philosophie und Eleganz, Denken und Leben eine Verbindung einzugehen suchten, so ist es der Wunsch des Autors, dass über diese Zeit des technologischen Obskurantismus jene Verbindungen triumphieren werden.

Zu guter letzt hofft der Autor, dass er seine Leser mit diesem Blog zumindest ein wenig erfreuen kann und dass für ihn nicht die Worte Montaignes gelten:

Mit großen Eifer hebt der Mann
Nun großen Quatsch zu reden an.

(Michel de Montaigne, Essais, Drittes Buch, Über das Nützliche und das Rechte)

Ein letztes Wort und eine Art Vorausschau: Eingeleitet wird dieses Blog in wenigen Tagen mit einer Serie von Buchvorstellungen, die sich „Bibliothek der Deutschlandfernen Werke“ nennt und Bücher behandeln wird, die a) Für andere Nationen von größter künstlerischer oder gesellschaftlicher Bedeutung sind b) In Deutschland allenfalls in speziellen universitären Seminaren behandelt werden, aber der Allgemeinheit unbekannt sein dürften und c) einen ausgezeichneten Einblick in die Sitten und Gedankenwelt anderer Länder und Kulturen erlauben. Phantastische und groteske Werke werden bevorzugt. Die erste Buchbesprechung wird dem brasilianischen Epos „Macunaíma“ von Mário de Andrade gewidmet sein.

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